Der Junge mit der Mundharmonika - wie reagierst Du?

"Käme kein Engel mehr, dann ginge die Welt unter. Solange Gott die Erde trägt, 

  schickt er seine Engel."        (Claus Westermann)                                        

 

Der Junge mit der Mundharmonika. 

 

Ich sitze in einem Bus und fahre nach Hause. Der Wagen ist gedrängt voll. Neben mir sitzt eine einfache stille Frau sie zählt ihr Geld.

 

„Haben Sie gut eingekauft?“, frage ich mehr verlegen als neugierig, als sie mit dem Zählen .....

 

 

                                                      Engel sind überall

                                                             Bildquelle Angelika Trescher

 

.......kurz innehält.

 

Aber sie antwortet nicht, schüttelt nur den Kopf und beginnt erneut zu zählen.

 

Nachdem sie abermals zu Ende ist, beginnt sie alle Taschen durchzukramen – aber auch nicht ein Euro kommt zum Vorschein.

 

Noch einmal beginnt sie zu suchen, erst die Jackentasche, dann die vom Kleid. Zuletzt kommt noch einmal der alte, abgegriffene Geldbeutel dran, den sie aus der Einkaufstasche holt.

 

Aber es ist vergeblich, sie findet keinen Cent mehr. Ihr Gesicht ist mittlerweile blass und starr geworden.

 

Enttäuscht schaut sie in die Runde. Dann beginnt sie plötzlich erneut zu zählen.

Noch langsamer und gründlicher als vorher. Jetzt sehe ich, dass ein Kind zu ihr gehört

.

Auch das Kind hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt. „Mutter, fehlt Dir was?“, fragt ein zartes Stimmchen. Die Mutter nickt nur stumm mit dem Kopf.

 

Eine Frau, die uns gegenüber sitzt, fragt, was denn los sein.

 

Mit wenigen Worten erfahren wir, dass die Familie im letzten Winteraus Polen gekommen ist, wo sie als Bauern lebten. Der Mann ist sehr krank und liegt schon einige Wochen im Krankenhaus.

 

Heute hat sie nach dem Krankenbesuch noch einige Einkäufe gemacht. Irgendjemand muss ihr dabei falsch herausgegeben haben.

 

Über zwanzig Euro fehlen ihr. Ein Zwanzigeuroschein und ein paar Eurostücke – und so viel Kummer hängt daran!

 

Wie gerne möchte ich ihr den Schein geben. Mir zuckt die Hand. Aber ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.

 

Es sieht so protzig aus, wenn ich nun in die Tasche greife und sage: “Hier bitte.“

Ich bin sehr unglücklich, dass mir nichts einfallen will.

 

Währenddessen zieht ein Junge seine Mundharmonika aus der Tasche und beginnt darauf zu spielen.

 

Das ist ja wohl die Höhe. Der Kerl wird mir richtig unsympathisch. Welch eine Frechheit, zu dem Kummer der Frau, der ihr deutlich im Gesicht geschrieben steht, auch noch Musik zu machen!

 

Der Junge hat sein Lied ausgespielt. Nun geht er noch sammeln, mit einer Mütze in der Hand.

 

Außer mir scheint sich niemand daran zu stoßen. Im Gegenteil,  aus allen Taschen wandern Zehner und Fünfziger, ja sogar Ein- und Zweieurostücke in die Mütze.

 

Auch zu mir kommt er, ein kleines verschmitztes Lächeln um den Mund.

 

Ich wende mich ab, denn ich bin sehr ärgerlich und unwillig und will ihm das mit meiner Geste auch deutlich zeigen. Aber er verzieht keine Miene.

 

Dafür wendet er sich meiner Nachbarin zu  und schüttet der verdutzten Frau das gesammelte Geld in den Schoss.

 

Dann kehrt er, ohne auch ein Wort zu sagen, an seinen Platz zurück, als sei nichts geschehen.

 

Die Frau ist überrascht und verwirrt.

 

Sie will den Jungen danken, aber sie findet keine Worte. In diesem Augenblick quietschen die Bremsen.

 

Der Bus hält mit einem Ruck. Ich spüre, dass ich glutrot geworden bin. Beschämt will ich noch meine Brieftasche hervorholen.

 

Aber es ist schon zu spät. Ich sehe noch, dass die Frau mit ihrem Kind draußen steht.

 

Ihre Augen suchen den Bus ab, bleiben bei dem jungen Burschen haften. Ihre Lippen bewegen sich zu einem Dankeschön.

 

Der Schüler mit der Mundharmonika winkt den beiden noch einmal zu, gibt ihnen Hoffnung in der neuen Heimat.

 

Aus dem Büchlein: „Ein Engel wohnt gleich nebenan.“

 

LOGO Buchversand GmbH  - Bestellnummer 530062  - Herausgeberin Claudia Wilkes.

 

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